Freiwillige Ödnis – Anmerkungen zur Ästhetik in Remscheid

„Das soll nicht heißen, dass es nicht Fotografen gibt, die dazu in der Lage wären, dasselbe wie er zu schaffen und mit behutsamer Zuneigung jene Straßen, Eingänge, Hinterhöfe und Schaufenster einzufangen. Es geht viel eher darum, dass man, um diese Zuneigung zu empfinden, auch etwas benötigt, das sie verdient.“

Diese Worte schrieb Jeff Wall zu Fred Herzog über Vancouver. Da fühlte ich mich doch sehr an Remscheid erinnert.

Jeff Wall schreibt weiter: „Was diese Objekte der Zuneigung ersetzte, sind Gebilde, die dieses Gefühl nicht mehr auslösen können, da sie es nicht beinhalten. Es wurde ihnen nicht mitgegeben, als man sie schuf.“

Ob er da die neue Brücke am Bahnhof von Remscheid meinte oder das runde Haus, das aussieht wie das Laubgitter in einem Strassenschacht?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Fürchterliche Architektur, die hier zu sehen ist. Oder ist dies für Sie ein Gebilde der Zuneigung?

Das wäre doch wohl eher hier zu sehen:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das ist doch ein Anblick, der der Heimatverbundenheit Raum bietet.

Oder dieser Anblick hier:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber die Wahrheit ist, das sind die Reste einer Stadt, die ihre Identität baulich aufgegeben hat und Bergisch mit Beton im Rechteck verwechselt.

Remscheid wird eine Musterstadt für Zweckbauten, Funktionsboxen für Menschen. Wenn alte Gebäude verschwinden, werden sie fast immer durch hässlichere neue Gebäude ersetzt. Und so bestimmt das Sein das Bewußtsein und das Bewußtsein das Sein.

Mehr als 50 Jahre nach Kriegsende hat man die Chance, mehr als billig zu sein, ungenutzt verstreichen lassen. Vorschläge gab es mehr als genug. Und so ist Remscheid ein Ort, der noch viel Potential bietet, um es freundlich auszudrücken.

Aber der Einfluß der Gegenwart wird wohl keine Rückkehr zum Bergischen Baustil beinhalten, sondern eher zum billigen Bauen, das übrigens auch schön sein könnte.

Aber wer will das schon?

Und so entsteht das neue öffentliche Gesicht von Remscheid, das weit entfernt von dem alten Gesicht ist, welches mit viel Nostalgie schon einmal beschrieben wurde aber schon lange nicht mehr existiert.

Wir leben im Zeitalter der freiwilligen Ödnis.

Die Gemeinsamkeit mit der Fotografie ist dabei das Rechteck. Wer nicht quadratisch fotografiert, der nutzt noch das rechteckige Format und kann damit Ausschnitte aus der rechteckigen Wirklichkeit in rechteckige Fotos packen.

Memphis, Vancouver, Remscheid – es gibt Städte in den USA und Kanada, die sind so häßlich wie Remscheid jetzt geworden ist. Soll man das fotografieren?

Wenn man sich vom Ereignis löst und den öffentlichen Raum betrachtet, dann führt das Fotografieren zur Bewußtseinsbildung. Man sieht, welches Sein unterschwellig das eigene Bewußtsein formt.

Fotografieren als Selbstschutz?

Zumindest als Reflexion, um die Schönheit nicht aus den Augen zu verlieren im Angesicht der Häßlichkeit.

Und jetzt verstehe ich auch das Schild am Ortseingang von Remscheid auf der Burger Straße. Es symbolisiert, daß Ehringhausen nicht dazu gehört, weil es dort noch nicht so häßlich ist.

Wer hätte das gedacht!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.